Deutsche Gesellschaft für Schiffahrts- und Marinegeschichte e.V.
Deutsche Gesellschaft für Schiffahrts- und Marinegeschichte e.V.

Marinegeschichte

Kriegsschiff VASA, Stockholm// Foto: Stephan Karraß

Per Definition verbirgt sich hinter dem Begriff "MARINE" (abgeleitet von marinus (lat.) "zum Meer gehörig") die Gesamtheit der zur See fahrenden Flotte eines Staates und unterteilt sich in Handelsmarine und Seestreitkräfte. Letztere führen heutzutage eine Seekriegsflagge, zivile Schiffe der Marine eine Dienstflagge und Handelsschiffe die Handelsflagge, die früher auch Kauffahrteiflagge hieß. Zu den Seestreitkräften, die in Abgrenzung zum Heer und der Luftwaffe in Deutschland auch gerne als "Marine" bezeichnet werden, zählen die Flotten, Unterstützungseinheiten, Einrichtungen an Land und administrative und organisatorische Einheiten. Die militärische Marine kann sich darüber hinaus aus Kriegsschiffen, Hilfsschiffen, Marinefliegern, Marineinfanterie und Unterstützungs- und Ausbildungseinrichtungen zusammensetzen.  Hauptaufgabe der Marinen im Krieg ist die Erlangung oder Aufrechterhaltung der Seeherrschaft, also die Beherrschung von Seeverbindungslinien und der Schutz des eigenen Seeverkehrs.
 

Geschichtlich entwickelten sich die militärischen Marinen aus Handels- und Politik-Rivalitäten, die früher sogar mittels Piraterie ausgefochten wurden. Zur Abwehr von Bedrohungen und zur Durchsetzung eigener Handels- und machtpolitischer Interessen entwickelten sich schließlich Kriegsschiffe, die letztlich schon in der Antike im Bau von Kriegsflotten und der Bildung von Seemächten mündeten. Bereits 2000 v. Chr. basierte die Seeherrschaft Kretas im Mittelmeer auf einer umfangreichen Seeherrschaft (Thalassokratie). Frühere wichtige Seemächte waren z.B. Persien (unter Nutzung phönizischer Schiffe), Athen, Karthago, das Römische Reich, das Byzantinische Reich, die Hanse, Genua, Venedig, das Osmanische Reich, Portugal, Spanien, Niederlande, Frankreich, England/Großbritannien, die USA und die damalige Sowjetunion.

Heutzutage muss eine Seemacht über eine ausgewogene Flotte verfügen, die alle Kriegsschiffkategorien umfasst (Flugzeugträger mit Marinefliegern, Amphibische Einheiten, U-Boote, Zerstörer/Fregatten, Minenstreitkräfte und eine nukleare Komponente). Dass die stärkste Seemacht auch gleichzeitig Weltmacht ist und somit auf weltpolitischer Ebene wesentlichen Einfluss ausübt, zeigt die Bedeutung einer umfangreichen und ausgewogenen Marine auf.  

U461 // Foto: Stephan Karraß

    

Doch wie war die geschichtliche Entwicklung in Deutschland?


Bereits zu Zeiten Karls des Großen (747 - 814) hatte sich das damalige Frankenreich, als Heiliges Römisches Reich, zu dem große Teile des heutigen Deutschlands gehören, gegen Bedrohungen seiner Küsten wehren müssen. Beachtliche Seestreitkräfte gab es damals jedoch nur  auf lokaler Ebene, die nicht direkt dem Kaiser unterstanden. Sie operierten schließlich auch im Rahmen der Osterweiterung des Reiches in Nord- und Ostsee. Zur Zeit der Hanse, einem Städtebund noch ohne feste gesamtstaatliche Strukturen (Mitte des 12. bis Mitte des 17. Jahrhunderts), wurde auf lokaler Ebene durch bewaffnete Handelsschiffe und seit dem 16. Jahrhundert auch durch besondere Kriegsschiffe, wie beispielsweise dem "Adler" von Lübeck, Seemacht ausgeübt. Vereinzelte Flottenprojekte wurden von den sich seit dem 16. Jahrhundert bildenden Territorialstaaten  (z.B. Kurbrandenburg) und den Hansestädten realisiert. Zweck der Unterhaltung solcher Seestreitkräfte war  vornehmlich der Schutz der eigenen Handelsschifffahrt, beispielsweise durch die Sicherung von Konvois.

ALMIRANTE JUAN DE BORBON und HMS DUNCAN - links // Foto: Stephan Karraß

Erst 1848 erfolgte der Aufbau einer  kurzlebigen "Reichsflotte". Die Revolutionäre wollten den Deutschen Bund als Fürstenherrschaft durch ein  als Demokratie aufgebautes "Deutsches Reich" ersetzen. Die Reichsflotte war damit erstmalig  Repräsentantin eines gesamten Deutschlands, eine Tradition, die Deutsche Marinen dann seit 1867 bis heute fortsetzen.
Nach Auflösung der Reichsflotte, deren Schiffe 1853 versteigert wurden, war die Preußische Marine die Vorgängerin einer gesamtdeutschen Flotte. Sie konnte sich  mit Unterstützung eines Österreichischen Geschwaders in der Nordsee im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 behaupten. Aus der Preußischen Marine wurde 1867 schließlich die Marine des Norddeutschen Bundes, aus ihr 1871 dann die Kaiserliche Marine und ab 1919 nach dem 1. Weltkrieg der erste Vorläufer der Reichsmarine. Kurz nach dem Flottenabkommen von 1935 wurde aus der Reichsmarine die Kriegsmarine, die nach der bedingungslosen Kapitulation am Ende des 2. Weltkrieges aufgelöst wurde. Erst ab 1956 wurde in der 1949 neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland wieder eine Marine unterhalten, die jetzt Bundesmarine hieß, während 1960 auf DDR-Seite die Volksmarine ins Leben gerufen wurde. Letztere wurde 1990 nach dem Fall der Berliner Mauer und der Wende aufgelöst und in den Bestand der westdeutschen Marine integriert, die sich fortan Deutsche Marine, oder schlichtweg Marine nannte und bis heute diese Bezeichnung trägt.
 

Minenjagdboot Fulda (Heckseitenansicht) // Foto: Stephan Karraß

 

Im Rahmen ihrer Handlungsmaximen (Schutz der Bürger, Sicherung außen-politischer Handlungsfähigkeit, Bündnisverteidigung und Sicherung von Stabilität und Partnerschaft auf internationaler Ebene), nimmt die Deutsche Marine heute viele Aufgaben wahr: Konfliktverhütung, Krisenbewältigung, internationaler Anti-Terrorkampf, Antipiraterie-Einsätze, Heimatschutz, Geiselbefreiung im Ausland, humanitäre Hilfe und Beteiligung am SAR-Dienst (Seenotrettung) im deutschen Küstenbereich. 

Die deutsche Marinegeschichte gehört zu den mit am besten erforschten Gebieten der deutschen Geschichte - und sie wird weiter fleißig erforscht.

In der DGSM gibt es Zeitzeugen, die aus eigener Anschauung aus vergangenen Epochen der jeweiligen "Marine" berichten können - doch sind auch die Entwick-lungen der letzten Jahren (Sicherung des Handels durch Antipiraterie-Einsatz der Marine) in der Forschung aktueller denn je und greifen in gewisser Weise Probleme der Vergangenheit in einem anderen Mantel wieder auf.

Stephan Karraß / Dr. Heinrich Walle

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